Geschichte
Erste Müllermeisterin im Homberger Land
Ein Gespräch mit Elisabeth Neidel
Die Hohlebachmühle ist neben der Krone, dem Pförtchen, der Stadtkirche und der Hohenburg eines der eindrucksvollsten Baudenkmäler und historischen Gebäude der Reformationsstadt Homberg (Efze). Die Hohlebach Mühle wurde 1415 erstmals urkundlich erwähnt.
Sie gilt als die älteste Mühle im Kreis Homberg. Die Geschichte der Mühle ist eng mit der Geschichte der Stadt Homberg (Efze) verbunden. Schon im Mittelalter waren Mühlen wichtig für die Versorgung und dienten als Zufluchtsort für Ausgestoßene.
In der Mühle wirkte über Jahrzehnte Hombergs wohl bekanntester Müller, Karl Neidel. Der Mitarbeiter des Hohenburg-Museums, Michael Toscher führte vor drei Jahren ein Gespräch mit seiner Tochter Elisabeth Neidel, welches Uwe Dittmer als Grundlage nahm, um mit Elisabeth Neidel jetzt über ihr Leben als Müllerin ins Gespräch zu kommen.
Uwe Dittmer: Vielen Dank Frau Neidel, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um über Ihre Familie und Ihren Vater, den Müller Karl Neidel zu sprechen. Wie fanden denn die Familie Neidel und die Hohlebachmühle zusammen?
Elisabeth Neidel: 1904 hat mein Großvater Carl Neidel mit seiner Frau Anna Neidel die Mühle käuflich erworben. Er kam aus Posen in Westpreußen. 1941 verstarb er im Alter von 65 Jahren.
Uwe Dittmer: Wie ging es dann mit der Hohlebachmühle weiter?
Elisabeth Neidel: Als mein Vater Karl Neidel 1945 aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Homberg zurückkam, hat er die Mühle 39 Jahre lang bis ins Jahr 1984 weitergeführt.
Uwe Dittmer: Und dann entwickelte sich Ihr Leben in eine unerwartete Richtung. Sie wurden die erste weibliche Müllerin in Homberg und man darf sagen, im ganzen Homberger Land.
Elisabeth Neidel: In der Zeit von 1967 bis 1970 habe ich in der Mühle meines Vaters gelernt und die Gesellenprüfung in Ernsthausen im Landkreis Waldeck-Frankenberg abgelegt. Danach war ich noch von 1970 bis 1978 im Betrieb meines Vaters tätig. Der Betrieb umfasste eine Landwirtschaft von sechseinhalb Hektar und es gab viel zu tun, sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Mühle. Mit der Arbeit in der Mühle hat mein Arbeitsleben angefangen und so habe ich 1983 meine Meisterprüfung in Dorla bei Wetzlar im Lahn-Dill-Kreis abgelegt. Mein Vater war als Eigentümer der Hohlebachmühle bis 1984 eingetragen. Und noch zwei Jahre danach war er Eigentümer der Mühle bis 1986. Aus gesundheitlichen Gründen absolvierte ich von 1978 bis 1979 eine Umschulung beim Kreisausschuss Schwalm-Eder zur Verwaltungsangestellten und war dort anschließend bis 2013 in der Verwaltung tätig.
Uwe Dittmer: Wie würden Sie Ihr damaliges Leben als Müllerin in diesem Männerberuf beschreiben?
Elisabeth Neidel: Am ersten Berufsschultag der Müllerausbildung fuhr ich nach Kirchhain bei Marburg. Als ich die Klassenzimmertür öffnete, schlug mir Zigarettenqualm entgegen und auf den Tischen lagen Frühstückssachen und Getränke verteilt.
Ich wusste sofort: hier befinde ich mich in reiner Männergesellschaft. Ich war aber als Frau zum Glück nicht allein. Es kam noch ein weiblicher Lehrling aus Frankenberg. So dass die Männer im Raum erstaunt riefen: „Da ist ja noch eine Frau!“ Als unser Lehrer Herr Wolf das Klassenzimmer betrat, herrschte sofort Ordnung und Disziplin. Ab da an waren wir alle gleich und mussten alle drei Jahre lang dasselbe lernen.
Uwe Dittmer: Sie haben nach Ihrer Arbeit als Müllerin auch einige Mühlenführungen für Interessierte durch die Hohlebachmühle unternommen.
Elisabeth Neidel: Ja, im Zeitraum von 1993 bis 2010 habe ich 17 Jahre lang mehrere Führungen auf Anfrage gegeben, auch später noch vereinzelt bis heute.
Uwe Dittmer: Wer kaufte die Hohlebachmühle und war ab 1986 ihr Eigentümer?
Elisabeth Neidel: 1986 kaufte Herr Martin Dickhaut Senior die Mühle von meinem Vater und einen Teil der Grundstücksflächen. Er restaurierte die Hohlebachmühle. Zusammen mit Studenten der Gesamthochschule Kassel hat er Balken für Balken ausgemessen, bewertet und einen Bericht verfasst und hat dann das verändert, was er baurechtlich verändern durfte. Ohne die Familie Dickhaut gäbe es die Hohlebachmühle heute nicht mehr.
Uwe Dittmer: Wem gehört die Hohlebachmühle heute und besuchen Sie die Mühle als langjährigen Ort Ihres elfjährigen Arbeitens heute noch? Vermissen Sie Ihre Mühle?
Elisabeth Neidel: Ja, manchmal denke ich an die alten Zeiten zurück und an die Erlebnisse mit meinen Mitmenschen. 2021 gelangte die Mühle durch Verkauf in die guten Hände der Familie Paul. Die neuen Eigentümer haben viel investiert, um den historischen Bestand der Hohlebachmühle zu erhalten. Sie bieten Zimmerübernachtungen im Mühlenhotel an. Sie ermöglichen Hochzeiten im Mühlenmuseum, dort gibt es einen Standesamtsraum. In der Hohlebachmühle können auch Hochzeitsfeierlichkeiten und andere Feste stattfinden. Sie bietet ein romantisches Ambiente. Auf der Internetseite https://hohlebach.de/ finden Interessierte das ganze Angebot und auch historische Informationen über die Hohlebachmühle.
Uwe Dittmer: Liebe Frau Neidel, ich bedanke mich auch im Namen von Herrn Toscher ganz herzlich für das Gespräch und wünsche Ihnen für die Zukunft vor allem Gesundheit und Zufriedenheit. (di)